GEGEN
STAND
STAND
GEGEN-STAND konfrontiert Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Sexismus mit Satire, Sarkasmus, Ironie und Nonsense. Über Humor hinausgehend jedoch entsteht meine Art der Entgegnung. So verweist der Titel der Arbeit „Gegen-stand“ darauf, im ursprünglichen Sinne des Wortes entgegenzustehen, also Widerstand zu leisten.
Hierfür entwarf ich 4 Entfremdungsgegeständen mit absurden Funktionen, diese laden zu einer Performance ein:
Xenophilophon, Videoveritas, Rassistektor und Egoreflektor.
XENO-
PHILO-
PHON
Xenophilophon operiert als Akzentneutralisator/Entpersonalisator.
Ein Mikrofon nimmt die Stimme des Sprechenden auf, ein Effektgerät transponiert sie, das Resultat wird über einen Lautsprecher übertragen. Dieser Vorgang greift in das Spektrum des Klanges ein und verändert dadurch Spezifika, anhand derer sich menschliche Stimmen wiedererkennen lassen. Weiblich/Männlich/Akzente werden neutralisiert. Es soll die Einordnung in Kategorien erschwert, sowie die Angst vor Unbekanntem verhindert werden.


VIDEO-
VETITAS
VETITAS
Das Konzept der Maske Videoveritas besteht im „zwischen den Zeilen lesen“. Diese „rosa-rote“ Brille ermöglicht es, xenophobe Botschaften auf einen tiefer liegenden Kern zu entschlüsseln. Jene Transformation geschieht durch einen Farbfilter, der nur bestimmte Informationen passieren lässt, andere Farben des Spektrums ausblendet.



RASSIST-
EKTOR
EKTOR
Rassistektor spürt fremdenfeindliche Inhalte auf. Das Gerät bedient sich im entfernteren Sinn der Funktionsweise eines Theremins. Die Inbetriebnahme geschieht über einen Knopf. Sodann können Personen oder Objekte auf xenophobe Zusammensetzungen überprüft werden. Die Rückmeldung geschieht über ein akustisches Signal. Die Tonhöhe deutet also auf den fremdenfeindlichen Grad hin.


EGO-
REFLEKTOR
REFLEKTOR
Mit Egoreflektor wird die Neutralisation des politischen Ichs im globalen Raum angestrebt. Der Imperativ „Erkenne dich selbst“ am antiken Tempel des Apoll in Delphi sollte als stete Erinnerung, Selbstreflexionsübung und Erkenntnisgewinn dienen. Hier wird das Prinzip in Form eines Spiegels angewandt. Die ausführende Person unterlässt durch Selbsterkenntnis eine anschließende Bewertung und Kategorisierung.



FOGATA
Die Installation FOGATA (span. „Freudenfeuer“) stellt ein Tribut für den Gott und Teufel Chango dar. Feuer-bekleidete Donnersteine tanzen in Choreografie mit dem Rhythmus der singenden Luft. Die Installation materialisiert die Macht und Göttlichkeit Changos und erhebt die Bedeutung des Donnergottes als Hauptsymbol des afrikanischen Widerstandes gegen die europäische Kolonialisierung.
Seit dem Beginn ihrer eigenen Existenz ist die Menschheit fasziniert vom Feuer, von der Steinzeit, über die Alchemie, bis zum Verbrennungsmotor. Es kann transformierend oder zerstörerisch wirken. Als Geschenk des Himmels (Blitz) und der Erde (Lava) ist Feuer Protagonist und elementares Symbol in zahlreichen Religionen und Erzählungen und somit Werkzeug und Waffe, Gott und Teufel.
Trotz des systematischen Sklavenhandels und der Ausbeutung in der Kolonialzeit überlebte in der afrikanischen Bevölkerung im lateinamerikanischen Territorium ein kolossaler und reicher Schatz afrikanischer Traditionen, darunter der Glaube an den Gott und Teufel „Chango“. In der afro-lateinamerikanischen Religion Santería verkörpert sich Chango im König des Donners, Blitzes, der Gerechtigkeit, des Tanzes und der Männlichkeit. Er wirft auf jeden, der ihn beleidigt, einen Stein, der Donner und Blitz erzeugt.
Chango war alltäglich anwesend in meiner Kindheit, er wird in Kolumbien mit Salsa-Liedern verehrt. Feuer und Musik sind sehr stark verbunden mit meinen ersten Erinnerungen, auch in Verbindung mit meinem Vater.



FOGATA erzeugt ein künstliches Naturphänomen mithilfe von 16 Luftsäulen, deren Luftdruck durch DMX-Programmierung ständig variiert, in Synchronisation untereinander. Um die Luftsäulen bilden sich Feuerringe, darüber „tanzen“ reflektierende Kugeln. Die Intensität des Feuers und die Bewegung der Kugeln werden durch die wechselnde Luftströmung beeinflusst und choreographiert. Es entsteht ein Feuer-Schwarm.





FLASH
BACK MA-
CHINE
BACK MA-
CHINE
“Flashback Machine” möchte eine spezifische Erinnerung aus der Vergangenheit hervorrufen oder kreieren.
Eine Person betritt den Kubus, setzt sich auf überdimensionierte Möbel und legt Augenbinde und Kopfhörer an. Eine allgegenwärtige Stimme führt eine Hypnose durch, während Geruchsmaschinen Aromen entlassen. Geräusche verstärken die Suggestion. Diese konzentrierte Atmosphäre ermöglicht die Flashback-Erfahrung, die vergessene Erinnerungen an einen eigenen Kindergeburtstag lebendig werden lässt.
Der Raum, den ich entworfen habe, symbolisiert Erinnerung, das Ungreifbare und Schemenhafte. Ein semi-durchlässiger Stoff, der sich im Wind bewegt, bildet eine Hülle, die das Innere gleichsam wie die eigene Erinnerung bewahrt.



Die Möbel, die sich im Raum befinden, sind überdimensioniert, um die Proportion eines Kindes zu suggerieren. Die sehr lebendigen Erlebnisse, die durch „Flashback Machine“ erzeugt werden, werfen Fragen auf über unsere Art, uns zu erinnern.


Ausstellung an der
Bauhaus Universität
Dessau






TOKYO
TABLE
In vielen Großstädten führt die seit Jahren steigende Nachfrage nach Wohnraum zu Raumknappheit. Diese resultiert oftmals in einer Verkleinerung der Wohnfläche. Zusätzlich nimmt die Bedeutung des Homeoffice als Arbeitsstätte enorm zu und bewirkt, dass sich Tätigkeiten in Zeit, Raum und Nutzen durchkreuzen.




Ich bin in einem sehr kleinen Haus aufgewachsen. Wir hatten einen Tisch, der zugleich als Esstisch, Schreibtisch und Bügelbrett diente. Als Kind fand ich es sehr mühsam, dass für jede Tätigkeit die vorige unterbrochen und alle Utensilien verstaut werden mussten, damit der Tisch benutzbar war.
Tokyo Table bietet Lösungen zwischen Wechselndem und Simultanem.


LANA
CORTEX
CORTEX
LANACORTEX ist ein selbstklebendes Verpackungssystem aus 100% organischem, erneuerbaren und abbaubaren Material auf Wollebasis. Dieser Stoff hat die Eigenschaft, dass er einfach versiegelt werden kann ohne die Notwendigkeit eines Klebers und danach wieder geöffnet werden kann. Es ist möglich, ihn einfach zu falten und er ist angenehm zu berühren, kann wasserdicht oder durchlässig sein, flexibel oder steif. Die Extraktion der Komponenten dieses Materials beeinflussen kein Ökosystem, sie erneuern sich ohne menschliche Intervention (die Produktion von Kautschuk wird sogar durch den Abbau beschleunigt).
Wolle und Kautschuk sind Materialien, die in Kolumbien traditionell verwendet werden.






ATAR
„Atar“ bedeutet im Spanischen „binden“, „verknüpfen“, aber auch „fesseln“ und erinnert daran, dass wir in jedem Moment verwurzelt sind mit unserer eigenen und unserer kulturellen Vergangenheit.

„Atar“ verbindet spielerisch unser heutiges Sitzen mit den Lebensformen unserer Vorfahren im Wald. Die Struktur aus miteinander verwobenen dünnen Metallfäden und feinen Blättern aus Leder soll die Illusion von Gravitation erzeugen, der Stuhl scheint jedoch schwerelos zu schweben. Dem Betrachter wird dadurch Leichtigkeit und physische Instabilität vermittelt. Die gestanzten Blätter sind von den Schlingpflanzen meiner Heimat inspiriert, sie scheinen zwischen den Bändern und der Metallstruktur zu wachsen, ihre Wurzeln sind unsichtbar.
In meiner Kindheit haben wir den ganzen Tag draußen in der Natur verbracht: im Wald, in den Bergen und in dem winzigen Garten meiner Eltern, der ein tropischer Urwald ist. Überall wachsen Früchte, Kletterpflanzen und Kräuter, die für medizinische und schamanische Zwecke gebraucht werden.
2010 wurde „Atar“ zur Internationalen Möbelmesse Köln eingeladen. Damals reiste ich zum ersten Mal nach Deutschland.




CHRISTIAN
ANDRÉS
PARRA
SÁNCHEZ
ANDRÉS
PARRA
SÁNCHEZ
GEBOREN
1991 IN ROLDANILLO, KOLUMBIEN, BEGANN SEINE UNIVERSITÄRE LAUFBAHN AN DER
UNIVERSIDAD ICESI IN CALI, WO ER VON 2007 BIS 2012 EINEN BACHELOR IN
INDUSTRIEDESIGN ERWARB. ANSCHLIESSEND STUDIERTE ER ZWEI AUSTAUSCHSEMESTER IM
STUDIENGANG PRODUKTDESIGN AN DER UNIVERSIDAD DE LOS ANDES IN BOGOTÁ.
ALS
PREISTRÄGER BEI DER INTERNATIONALEN MÖBELMESSE (IMM) KÖLN 2010 KAM CHRISTIAN
PARRA ZUM ERSTEN MAL NACH DEUTSCHLAND UND ERWARB 2018 AN DER KUNSTHOCHSCHULE
HALLE “BURG GIEBICHENSTEIN” SEINEN MASTER IN INDUSTRIAL DESIGN.
CHRISTIAN ANDRÉS PARRA SÁNCHEZ BEWEGT SICH
MIT SEINEN ARBEITEN ZWISCHEN OBJEKTEN INDUSTRIELLER PRODUKTION UND
KUNSTINSTALLATIONEN. FÜR SEINEN MASTERABSCHLUSS ENTWARF ER VIER ABSURDE
„ENTFREMDUNGSGEGENSTÄNDE“, DIE AUF IRONISCHE ART UND WEISE XENOPHOBIE UND
RASSISMUS THEMATISIEREN: XENOPHILOFON, RASSISTEKTOR, VIDEOVERITAS UND
EGOREFLEKTOR. HIERFÜR WURDE ER FÜR DEN DESIGNPREIS DER BURG GIEBICHENSTEIN
NOMINIERT (PREISVERGABE IM OKTOBER 2018) UND GEWANN DEN GRASSI-NACHWUCHSPREIS,
WELCHER EINEN ANKAUF SEINER ARBEITEN DURCH DAS GRASSI-MUSEUM LEIPZIG FÜR DESSEN
STÄNDIGE SAMMLUNG ERMÖGLICHT. IN DIESEM JAHR WURDE MEINE MASTERARBEIT AUCH MIT
DEM HERDERFÖRDERPREIS IN WEIMAR AUSGEZEICHNET.
christian.parra@posteo.de
+49 157 326 386 71
parra.exposed
Christian Andrés Parra Sánchez

Installation aus Betonkopfkissen im Schiller-Museum Weimar
2023
Polymerbeton mit Bauschutt versetzt
Je 25 x 75 x 55 cm
Christian Andrés Parra Sánchez (*1991 Roldanillo/Kolumbien, lebt in Berlin und
Weimar) studierte Industrie- sowie Produktdesign und lehrt nun als künstlerischer
Mitarbeiter im Studiengang Kunst und ihre Didaktik an der
Bauhaus-Universität Weimar.
Mit seinen Arbeiten
bewegt er sich zwischen künstlerischen Interventionen und Objekten industrieller
Produktion, die oftmals gesellschaftspolitische Dimensionen annehmen und Fragen
zu sozialer Gerechtigkeit aufwerfen. Seine weiträumige Installation “Gute Nacht!” (2022/23), die aus in Beton gegossenen Kopfkissen besteht, welche sich über das
Foyer sowie den Vorplatz des Schiller-Museums erstrecken, thematisiert das Leben
wohnungsloser Menschen in prekären Verhältnissen auf der Straße. Obwohl
Obdachlose fast überall zum Stadtbild gehören, sind sie in den wenigsten Fällen
wirklich sichtbar; viele Städte und Kommunen entwerfen gar Strategien, wie sie
gänzlich aus den Innenstädten vertrieben werden können. Die Kissen aus Beton
geben symbolische Sichtbarkeit und thematisieren unseren Umgang mit dieser
Schwelle zwischen einem Zuhause und keinem Zuhause, welche durch politische
Unruhen, Flucht, steigende Preise für Lebensmittel und Energie fragiler denn je
geworden ist.
Die Arbeit ist Teil der Ausstellung
POWER HOUSE
Episode 02
no one belongs here more than you
ab 25.05.2023
nova space @ Schiller-Museum
Schillerstr. 12, 99423 Weimar
Text: Katharina Wendler - Kuratorin / Leitung
www.uni-weimar.de/unigalerie



